Gedenken

Trauer um Günther van Norden

Ein Historiker, der sich um die rheinische Kirchengeschichte verdient gemacht hat
Präses Manfred Rekowski würdigt den verstorbenen Günther van Norden

Präses Manfred Rekowski, hat die vielfältigen Verdienste des renommierten Kirchenhistorikers Prof. Dr. Günther van Norden für die Evangelische Kirche im Rheinland gewürdigt. Van Norden ist am 21. November im Alter von 90 Jahren in Bonn gestorben.

„Über Jahrzehnte war das Wirken von Günther van Norden auch für die rheinische Kirche an vielen Stellen prägend. Dabei haben sowohl sein historischer wie auch sein theologischer Rat uns segensreich begleitet, weit über die Kommission für Rheinische Kirchengeschichte hinaus“, schreibt Rekowski in einem Kondolenzbrief an die Familie des Verstorbenen.

Ausdrücklich hob Rekowski van Nordens Einsatz für ein verantwortungsvolles Erinnern hervor. Sein Engagement um die rheinische Theologie- und Kirchengeschichte sei immer auch mit seinem in die Zukunft gerichteten Blick verbunden gewesen. „Ein Gedenken, das sich mit hineinziehen lässt, das aus der Erinnerung an das Geschehene heraus Verantwortung für die Zukunft übernimmt, genau das hat Günther van Norden gepflegt“, schreibt der Präses.

Günther van Norden war bis 1993 Inhaber des Lehrstuhls für Neuere Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte und der Didaktik der Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal. Er widmete sich besonders der kirchlichen Zeitgeschichte und war Experte für den Kirchenkampf im Dritten Reich und die Bekennende Kirche. Viele Jahre war er Vorsitzender des Ausschusses für rheinische Kirchengeschichte und kirchliche Zeitgeschichte (heute Kommission der Evangelischen Kirche im Rheinland für Kirchengeschichte).

text: pressestelle ekir/ör-wj

Aufgeblättert: Gegen den Strom - herausgegeben von Günther van Norden

Ein Bericht aus dem Jahr 2006:

Gegen den Strom
Theologen wie Karl Barth (1886-1968) und Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), den die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) anlässlich seines 100. Geburtstags mit einem Festakt im Mai würdigt, „waren eher die Ausnahme“, so Präses Nikolaus Schneider.

Im Vorwort des heute im FFFZ in Düsseldorf der Presse vorgestellten Buches „Sie schwammen gegen den Strom“ über verfolgte rheinische Protestantinnen und Protestanten schreibt der Präses weiter: „,Widersetzlich‘ handelten jedoch auch in der Kirche nicht wenige Menschen.“ 65 Frauen und Männer werden in dem Buch porträtiert: Menschen, die während des „Dritten Reichs“ aufmuckten oder in der Zeit des Faschismus unter die Räder gerieten, Menschen, die nicht so bekannt sind wie Barth und Bonhoeffer.

„Sie schwammen gegen den Strom“ – das Buch ist auch eine Fortführung. Es knüpft an die von der rheinischen Kirchenleitung in Auftrag gegebene systematische Aufarbeitung aller Personalakten des damaligen Konsistoriums an. Logischerweise konnte diese Untersuchung – „Scharfe Gegner“ von der Historikerin Dr. Simone Rauthe – die Betroffenen, die kein Dienstverhältnis mit der einstigen Kirchenbehörde hatten, vor allem Gemeindeglieder, nicht porträtieren.

Porträts von Christinnen und Christen jüdischer Herkunft
So gliedert sich das neue Porträtbuch in vier Kapitel. Zunächst werden Christinnen und Christen jüdischer Herkunft vorgestellt. Im zweiten Kapitel geht es um die „Illegalen“. Gemeint sind damit Hilfsprediger und Vikare, die sich gegen das Konsistorium wandten und der Bekennenden Kirche (BK) anschlossen. Außerdem gehören zu dieser Gruppe Vikarinnen, die doppelt zu kämpfen hatten: auch für den Zugang zum Pfarramt. Das dritte Kapitel widmet sich den Gemeindegliedern. Und das vierte Kapitel schließlich porträtiert „legale“ Pfarrer, die ihre Anstellung behielten und doch kritische Wege gingen.

Das Buch, an dem sich die EKiR mit einem Druckkostenzuschuss beteiligt hat, ist ein Gemeinschaftswerk von 17 Autorinnen und Autoren, darunter Pfarrerin Ilse Härter (94), die kürzlich Ehrendoktorin der Kirchlichen Hochschule Wuppertal wurde. Herausgegeben haben es Günther van Norden (Bonn), bis 1993 Professor für Neuere Geschichte an der Universität Wuppertal, langjähriger Vorsitzender des Ausschusses für kirchliche Zeitgeschichte der EKiR und Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen, sowie Klaus Schmidt (Köln), Pfarrer i.R. und Historiker, der zahlreiche Sachbücher und Biografien schrieb. Das Buch trage die „Handschrift“ van Nordens. Ihm sei als Spiritus rector die „notwendige Klarheit und Schärfe“ des Buchs zu verdanken, sagt Schmidt.

Nur wenige haben nicht geschwiegen
Die Mehrheit in der Kirche habe während der NS-Zeit geschwiegen, „eine Minderheit hat gejubelt, und nur wenige haben protestiert“, fasst van Norden in der Einleitung zusammen. Während sich viele im „braunen“ Strom treiben ließen oder sogar kräftig mit ihm schwammen, habe es eben auch diejenigen gegeben, die gegen den Strom schwammen, „die einen durch ein offenes Wort, die anderen durch eine helfende Tat, die einen mit mutiger, die anderen mit ängstlicher Widersetzlichkeit“.

Widersetzlich – das waren die Schwestern Johanne und Erna Aufricht wahrscheinlich nicht. Ihr „Makel“ war ein anderer: Die beiden Diakonissen der Kaiserswerther Diakonie in Düsseldorf entstammten einer jüdischen Familie. Dass sie getauft waren, galt im „Dritten Reich“ nichts mehr. Wie andere Christinnen und Christen jüdischer Herkunft deportierte das NS-Regime die Schwestern in das Konzentrationslager Theresienstadt. Erna wurde später in Auschwitz ermordet, Johanne überlebte Theresienstadt „krank und elend“.

Wie ein Organist sein Amt verliert
„Wir bekennen uns zur volkhaften Grundlage aller Kirchenmusik“ – dieses deutsch-christliche Zitat steht über dem Porträt des Musikdirektors Julio Goslar (1883-1976). Der Musiker aus jüdischer Familie verlor seinen Posten als Organist der Lutherkirche in Köln-Nippes. Er und seine Familie überlebten die NS-Zeit zuletzt in Verstecken. Unrecht geschah auch dem Essener Diakon Ernst Eisele. Friedhelm Meyer berichtet in diesem Porträt, wie die Solidarische Kirche im Rheinland erreichte, dass die rheinischen Kirche Eisele an seinem 90. Geburtstag rehabilitierte und dann auch damit begann, andere bis dahin vergessene Opfer bekannt zu machen und zu würdigen.

Manche engagierte Gemeindeglieder sind in kirchlichen Kreisen bekannt. So wird der Lebensweg des Wuppertaler Fabrikanten Willy Halstenbach nachgezeichnet, der an der Gründung der Kirchlichen Hochschule mitwirkte. Dessen "Villa Halstenbach" war im "Dritten Reich" ein Prüfungsort für "illegale" Hilfsprediger und Vikare. Neben Gustav Heinemann werden weitere Juristen porträtiert, die sich für diejenigen einsetzten, die politisch unter Druck gerieten. Ergänzt werden die kurzen Biografien mit Geschichten von „kleinen“ Leuten wie beispielsweise der Hunsrücker Hausfrau Paula Petry, die in den achtziger Jahren für einen Gedenkstein für die zehn ermordeten jüdischen Nachbarn aus ihrem Dorf sorgte.

Eid auf Hitler verweigert
Einblicke gibt das Buch auch in die Lebenswege der „legalen“ Pfarrer, darunter die beiden späteren Präsides der EKiR Heinrich Held und Joachim Beckmann. Erzählt wird von dem „roten“ Kölner Pfarrer Georg Fritze und anderen, die den Eid auf Hitler verweigerten. Auch der Wuppertaler Pfarrer Karl Immer, der Sprecher der BK-Reformierten, und der von den Nazis im KZ ermordete Hunsrücker Pfarrer Paul Schneider werden porträtiert.

Ilse Härter hat die Lebensgeschichten rheinischer Vikarinnen zusammen getragen, zu denen sie selbst gehörte. Dass Härter auch den „seltsamen Sonderweg“ der Theologin Cornelia Weyrauch aufnahm, die erst auf BK-Seiten stand und sich dann doch „legalisieren“ ließ, schärft den Blick für die komplexe Geschichte unterm Hakenkreuz.

Janusköpfige Kirche
„Janusköpfig“ nennt Co-Herausgeber Klaus Schmidt die Rolle der evangelischen Kirche im „Dritten Reich“. Sowohl tapfere als auch „braune“ Gestalten hätten dazu gehört. Und selbst die BK müsse differenziert betrachtet werden.

Auch wenn es neuere Literatur und Quellen aufnimmt – das Buch ist nicht als wissenschaftliches Fachbuch angelegt, vielmehr allgemeinverständlich und anschaulich geschrieben. Schließlich zielt es auf einen breiten Publikumskreis. In seinem Vorwort bringt der Präses auf den Punkt, was sich auch die Herausgeber erhoffen: „Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung in kirchlichen Kreisen, Gemeinden und Schulen – und weit darüber hinaus.“

Sie schwammen gegen den Strom.
Widersetzlichkeit und Verfolgung rheinischer Protestanten im „Dritten Reich“,
herausgegeben von Günther van Norden und Klaus Schmidt,
Greven Verlag Köln 2006, 14,90 Euro

text aus dem jahr 2006 von ekir.de/ör-wj

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/Paulus schreibt:/ Ich bitte euch nun, vor Gott einzutreten für alle Menschen in Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung.
1.Timotheus 2,1