Else Lasker-Schüler | Video

„Die Bibel als poetischer Fundus“

Zum 150. Geburtstag der weltberühmten jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler hat Ulrike Schrader in dem Buch „Verzauberte Heimat“ (Peter Hammer-Verlag) vor allem die Erinnerungen Else Lasker-Schülers an ihre Kindheit im Wuppertal versammelt, das sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1945 als Paradies verklärte. Im Interview spricht die Leiterin der Begegnungsstäte über Lasker-Schülers Religiosität und über die Bedeutung der Bibel für ihr Werk.

Über die Religiosität von Else Lasker-Schüler wird in der Forschung viel gerätselt…
Dr. Ulrike Schrader: Else Lasker-Schüler war die jüngste Tochter einer jüdischen Familie, aber diese Familie lag ganz im Trend der Zeit, wenn sie versuchte, sich dem mehrheitlich christlichen Bürgertum möglichst anzupassen. Als Else Lasker-Schüler geboren wurde, gab es in Preußen schon seit über 20 Jahren die Gleichberechtigung der Juden in Preußen.

1843 hatte der rheinische Landtag in Düsseldorf als erstes deutschen Parlament überhaupt die Emanzipation der Juden beschlossen – das war eine Sensation! Dass die Juden versuchten, die Chancen zu nutzen, die sich da nun für sie auftaten, ist nur zu verständlich.

Diese Liberalisierung der Gesellschaft insgesamt – für die Juden von großem Vorteil und Interesse – ging einher mit einer Bewegung der Säkularisierung: So, wie die Kirche stark an Bedeutung verlor, sank auch die Autorität der Synagoge.

Auf den Grabsteinen der Eltern auf dem jüdischen Friedhof an der Weißenburgstraße finden wir keinen einzigen hebräischen Buchstaben, und Elses Bruder Paul besuchte, wie die beiden älteren Brüder, ein katholisches Internat. Sie liebte ihn sehr und hielt ihn für einen „Heiligen“, und tatsächlich wollte er zum Katholizismus übertreten.

Doch er starb ziemlich früh – an einem Sonntag, wie Else Lasker-Schüler schreibt. In Wirklichkeit war es ein profaner Donnerstag, aber in der poetischen Welt Lasker-Schülers konnte der Todestag dieses frommen Bruders nur ein „heiliger“ Tag sein, eben der Sonntag!

Wie wenig orthodox die Familie Schüler war, beweist auch die Tatsache, dass der Dichterin hebräische Segenssprüche offensichtlich nicht geläufig waren: In Palästina, wo sie am Ende ihres Lebens lebte, hat sie sich das durchaus gängige hebräische Tischgebet in deutscher Umschrift auf einen Zettel notiert, um es mitsprechen zu können. Sie konnte es nicht auswendig.

Hat Else Lasker-Schüler in ihrer Wuppertaler Kindheit Diskriminierung erlebt? War sie Antisemitismus ausgesetzt?
Schrader: Vorbehalte gegen Juden waren auch noch im 19. Jahrhundert Konsens in der christlichen Mehrheitsbevölkerung, und das wird auch Else Schüler wahrgenommen haben. Aber das bedeutet nicht, dass sich Juden in permanenter Gefahr an Leib und Leben befanden, und ich bin skeptisch, ob Else Lasker-Schüler in ihrer Kindheit wirklich mehr erlebt hat als die Hörensagen über die Hep-Hep-Unruhen, die ja lange vor ihrer Zeit, 1819, und auch nicht in Elberfeld ausgebrochen waren.

Im Kaiserreich, also die Zeit der Kindheit und Jugend Else Lasker-Schülers, haben Juden und Christen miteinander gelebt und gearbeitet, waren miteinander befreundet – vielleicht nicht immer ganz auf Augenhöhe – und verbanden sich sogar durch Eheschließungen.

Zwei Beispiele: Auf der einen Seite weigerten sich die reformierten Protestanten Elberfelds, Geld für den Bau der Synagoge zu spenden, solange nicht Christus darin verkündigt würde (was ja fast ein bisschen lustig ist). Aber 1865, vier Jahre vor Else Lasker-Schülers Geburt, war die Synagoge errichtet, unter anderem mit den Kollekten eben anderer Kirchengemeinden! Auf der anderen Seite beauftragte die Stadt Elberfeld im Jahr 1910 den Kantor der jüdischen Gemeinde, Hermann Zivi, mit der Komposition der Festhymne zum 300. Stadtjubiläum. Das war eine große Wertschätzung und ein klares Zeichen für die Zugehörigkeit der Juden.

In ihren Texten geht es auch um die Versöhnung von Juden und Christen.
Schrader: Versöhnung ist ein großes Thema bei Lasker-Schüler. Eine ihrer „Hebräischen Balladen“ heißt sogar „Versöhnung“, und dieses Gedicht gehört zum Schönsten, was sie geschaffen hat. Ich vermute, dass sie die Animosität zwischen Christen und Juden genauso wenig akzeptieren und verstehen wollte wie die Feindschaft zwischen Arabern und Juden – die Prosa und Gedichte ihrer palästinensischen Jahre zeugen davon.

Unter den Liebhabern Else Lasker-Schülers gibt es auch solche, die Lasker-Schüler für eine politische Person halten. Ich bin da zurückhaltend, weil es meiner Meinung nach riskant ist, ihr dichterisches Werk als autobiografische Auskunftsquelle oder politisches Programm zu lesen. Aus ihren Briefen wissen wir allerdings, dass sie keinem Streit aus dem Wege ging. Aber Kunst ist eben etwas anderes als Leben, glücklicherweise!

Welche Bedeutung hat die Bibel für das Werk Else Lasker-Schülers?
Schrader: Für ihre Dichtung schöpfte die Dichterin aus zwei großen Reservoirs: Aus ihrer Kindheit im Wuppertal und aus der Bibel. Elberfeld ist Else Lasker-Schülers Synonym für familiäre Geborgenheit, für Zauber und Krassheit, für Farben und Gerüche, für Gegensätze und Lieblichkeit.

Sätze wie (ich kürze!) „wir schauten uns das bergische Panorama an, es lag unter uns im Tal und glitzerte in Tausendlichtern im Geschmeide um den Hals des Morgens. Bunt malte der Sonnensmaragd die Schieferdächer der Häuser“ sind doch einfach wunderbar! Welcher Wuppertaler hat damit nicht sofort lebendige Bilder vor dem inneren Auge?

Und die Bibel ist ihr überreicher Fundus an Geschichten, Bildern, Atmosphäre und Figuren, und alles wird poetisch verwandelt: Josef und der Pharao, Abraham und Isaak, Jakob, Esther, Saul, Moses und Josua, Ruth, David und Jonathan, Abel, Boas. Else Lasker-Schüler liest die biblischen Geschichten nicht buchstäblich, nicht rabbinisch, nicht christlich, sondern schöpft aus ihnen als dichterisches Material.

Neben dieser künstlerischen, einzigartigen Kreativität ergibt das zuweilen eine Neusicht auf die Bibel, die möglicherweise auch mal für eine christliche Predigt interessant wäre: Im keimenden Bruderstreit zwischen Jakob und Esau erscheint eine Magd mit sanften Händen und goldenen Linsen – und was passiert?

Das Buch „Verzauberte Heimat – Else Lasker-Schüler und Wuppertal“ wird am Sonntag, 10. Februar, um 16 Uhr im Mezzanin im Von der Heydt-Museum von der Leiterin der Begegnungsstätte Dr. Ulrike Schrader vorgestellt. Es liest: Julia Wolff, Musik: Die WeimerSisters, Gitarren

Gebunden, 128 Seiten mit vielen Abbildungen, 22 €
ISBN 978-3-7795-0609-6
Peter Hammer-Verlag, Wuppertal 2019

Das Gespräch führte: Nikola Dünow
Foto & Video: Tim Polick

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